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Normal­verteilung, Dichte und Verteilungs­funktion

Bei Messwerten wie der Körpergröße steckt die Wahrscheinlichkeit in einer Fläche. Die Verteilungsfunktion sammelt diese Fläche auf – so liest du jede Wahrscheinlichkeit als Höhe ab.

ca. 14 Min. · Biostatistik

Ein einzelner Wert hat die Wahrscheinlichkeit null

Miss die Körpergröße von 1000 Studierenden. Zeichne ein Histogramm: Jede Säule zählt, wie viele in eine Klasse fallen, zum Beispiel 165 bis 170 cm.

Mach die Klassen schmaler. Die Säulen werden feiner. Am Ende bleibt eine glatte Kurve übrig. Diese Kurve heißt Wahrscheinlichkeitsdichte f(x)f(x), kurz Dichte.

Ein Histogramm der Körpergröße von 150 bis 190 cm. Die Klassen werden schmaler, erst 10 cm, dann 5 cm, dann 2,5 cm. Am Ende liegt eine glatte Glockenkurve über den Säulen.

Die Körpergröße ist ein stetiges Merkmal: Zwischen 170 und 171 cm liegen unendlich viele Werte. Deshalb hat ein einzelner Wert die Wahrscheinlichkeit null. Genau 170,000… cm ist niemand.

Eine Wahrscheinlichkeit gibt es nur für einen Bereich. Sie ist die Fläche unter der Dichte über diesem Bereich.

P(a≤X≤b)=∫abf(x) dxP(a \le X \le b) = \int_a^b f(x)\,dx
Fläche unter der Dichte zwischen aa und bb

Die Dichte der Körpergröße hat bei 170 cm die Höhe f(170)≈0,04f(170) \approx 0{,}04. Was bedeutet das?

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Was eine Dichte erfüllen muss

Jede Dichte hat zwei Eigenschaften. Sie ist nie negativ. Und die ganze Fläche unter ihr ist genau 1, also 100 %. Denn irgendeine Größe hat jeder.

f(x)≥0und∫−∞∞f(x) dx=1f(x) \ge 0 \qquad \text{und} \qquad \int_{-\infty}^{\infty} f(x)\,dx = 1

Die Höhe f(x)f(x) hat eine Einheit: „pro cm“. Sie kann sogar größer als 1 sein. Das passiert, wenn alle Werte sehr eng beieinander liegen. Nur die Fläche muss 1 sein.

Eine Glockenkurve wird schmaler und höher, dann wieder breiter und flacher. Die Fläche darunter bleibt immer 1.

Welche Zahl ist die Fläche unter jeder Dichte?

Tipp eine Zahl ein. Dann prüfen.

Die Verteilungsfunktion sammelt Fläche

Oft fragt man: Wie wahrscheinlich ist ein Wert höchstens xx? Das ist die ganze Fläche links von xx. Diese Fläche hat einen eigenen Namen: die Verteilungsfunktion F(x)F(x). In R und auf Übungsblättern heißt sie auch kumulative Wahrscheinlichkeit.

F(x)=P(X≤x)=∫−∞xf(t) dtF(x) = P(X \le x) = \int_{-\infty}^{x} f(t)\,dt

Schieb xx von links nach rechts. Links kommt Fläche dazu, also steigt FF. Wo die Dichte hoch ist, kommt viel Fläche dazu: Dort ist FF steil. An den Rändern ist die Dichte fast null: Dort ist FF flach.

Links fährt eine Linie über die Dichte der Körpergröße, die Fläche links davon füllt sich. Rechts wächst die Verteilungsfunktion mit. Halte bei 160 cm (Fläche 0,16), 170 cm (0,5) und 180 cm (0,84).Dichte f(x)Verteilungsfunktion F(x)

Bei der Körpergröße ist F(180)=0,84F(180) = 0{,}84. Was bedeutet das?

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Höchstens, mehr als, zwischen

Mit FF kannst du jede Wahrscheinlichkeit ausrechnen. Du brauchst nur drei Regeln.

P(X≤a)=F(a)P(X>a)=1−F(a)P(a<X≤b)=F(b)−F(a)\begin{aligned} P(X \le a) &= F(a) \\ P(X > a) &= 1 - F(a) \\ P(a < X \le b) &= F(b) - F(a) \end{aligned}
  • Höchstens aa: direkt ablesen.
  • Mehr als aa: die Fläche rechts. Das ist alles (1) minus die Fläche links.
  • Zwischen aa und bb: die Fläche bis bb minus die Fläche bis aa.
Links ist die Fläche zwischen 160 und 180 cm schraffiert. Rechts werden F(160) = 0,16 und F(180) = 0,84 abgelesen. Der Abstand dazwischen auf der y-Achse ist 0,68.

Bei stetigen Merkmalen ist es egal, ob „<“ oder „≤“ dasteht. Der Rand hat die Wahrscheinlichkeit null und ändert die Fläche nicht.

Körpergröße: F(170)=0,5F(170) = 0{,}5 und F(180)=0,84F(180) = 0{,}84. Wie groß ist P(170<X≤180)P(170 < X \le 180)?

Tipp deine Antwort ein, zum Beispiel 0,25. Dann prüfen.

Wie groß ist P(X>180)P(X > 180), wenn F(180)=0,84F(180) = 0{,}84 ist?

Tipp deine Antwort ein, zum Beispiel 0,25. Dann prüfen.

So liest du aus einer Grafik ab

Auf Übungsblättern steht oft die Dichte neben der Verteilungsfunktion. Die Dichte zeigt dir, welche Fläche gemeint ist. Abgelesen wird an der Verteilungsfunktion.

  1. 1
    Senkrecht hoch

    Geh beim Wert xx auf der x-Achse senkrecht nach oben, bis du die Kurve von FF triffst.

  2. 2
    Waagerecht nach links

    Geh von dort waagerecht zur y-Achse. Dort steht F(x)F(x).

  3. 3
    Rechenregel anwenden

    Für „mehr als“ rechnest du 1−F(a)1 - F(a), für „zwischen“ F(b)−F(a)F(b) - F(a).

Verteilungsfunktion der Körpergröße. Von 160 cm geht eine Linie hoch zur Kurve und dann nach links zur y-Achse: 0,16. Danach von 0,9 auf der y-Achse nach rechts zur Kurve und hinunter: 182,8 cm.

Umgekehrt geht es auch. Gegeben ist eine Wahrscheinlichkeit pp, gesucht der Wert. Dann gehst du von pp auf der y-Achse nach rechts zur Kurve und senkrecht hinunter. Den Wert, den du so findest, nennt man Quantil xpx_p. Zum Beispiel: 90 % sind höchstens x0,9≈182,8x_{0{,}9} \approx 182{,}8 cm groß.

Du liest an der Verteilungsfunktion bei 160 cm den Wert 0,16 ab. Welche Wahrscheinlichkeit ist das?

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Warum die Kurve gegen 1 geht

F(x)F(x) ist die Fläche links von xx. Je weiter du nach rechts gehst, desto mehr Fläche liegt links. Rechts von xx bleibt immer weniger übrig.

Die ganze Fläche ist 1. Also nähert sich F(x)F(x) der 1. Ganz große Werte sind sehr selten: Fast alle sind kleiner als 2 m. Deshalb liegt bei 200 cm fast die ganze Fläche links.

x wandert von 180 über 190 auf 200 cm. Links schrumpft die schraffierte Restfläche rechts von x: 0,159, dann 0,023, dann 0,001. Rechts nähert sich die Verteilungsfunktion der 1: 0,841, dann 0,977, dann 0,999.
lim⁡x→∞F(x)=1lim⁡x→−∞F(x)=0\lim_{x \to \infty} F(x) = 1 \qquad \lim_{x \to -\infty} F(x) = 0

Die Normalverteilung ist überall ein bisschen größer als null. Darum erreicht FF die 1 nie ganz. Bei μ+3σ\mu + 3\sigma, hier 200 cm, ist FF schon fast 0,9990{,}999.

Kann die Verteilungsfunktion an einer Stelle den Wert 1,2 haben?

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Die Normalverteilung und ihre zwei Zahlen

Viele Messgrößen in der Biologie sind ungefähr normalverteilt: Körperlänge, Flügellänge, Blutdruck. Die Dichte ist eine Glocke. Sie ist symmetrisch um ihren Mittelwert. Man schreibt X∼N(μ,σ2)X \sim N(\mu, \sigma^2).

f(x)=1σ2π  e−(x−μ)22σ2f(x) = \frac{1}{\sigma\sqrt{2\pi}}\; e^{-\frac{(x-\mu)^2}{2\sigma^2}}
  • μ\mu (mü) ist der Mittelwert. Dort ist der Gipfel. Mittelwert und Median sind gleich.
  • σ\sigma (sigma) ist die Standardabweichung. Sie sagt, wie breit die Glocke ist.
  • Die Höhe des Gipfels ist 1σ2π≈0,4σ\frac{1}{\sigma\sqrt{2\pi}} \approx \frac{0{,}4}{\sigma}. Bei σ=10\sigma = 10 also etwa 0,040{,}04.
  • Bei μ−σ\mu - \sigma und μ+σ\mu + \sigma wechselt die Glocke ihre Krümmung (Wendepunkte).

Für jede Normalverteilung gilt dieselbe Faustregel. Sie heißt 68-95-99,7-Regel.

Glockenkurve der Körpergröße mit μ = 170 cm und σ = 10 cm. Nacheinander werden die Bereiche 160–180 cm (68 %), 150–190 cm (95 %) und 140–200 cm (99,7 %) schraffiert.
BereichAnteilim Beispiel
Bereichμ±σ\mu \pm \sigmaAnteiletwa 68 %im Beispiel160 bis 180 cm
Bereichμ±2σ\mu \pm 2\sigmaAnteiletwa 95 %im Beispiel150 bis 190 cm
Bereichμ±3σ\mu \pm 3\sigmaAnteiletwa 99,7 %im Beispiel140 bis 200 cm

Weil die Glocke symmetrisch ist, liegen außerhalb von μ±σ\mu \pm \sigma links und rechts je etwa 16 %. Daraus folgen drei Werte der Verteilungsfunktion, die du dir merken solltest:

F(μ−σ)≈0,16F(μ)=0,5F(μ+σ)≈0,84\begin{aligned} F(\mu - \sigma) &\approx 0{,}16 \\ F(\mu) &= 0{,}5 \\ F(\mu + \sigma) &\approx 0{,}84 \end{aligned}

Eine Verteilungsfunktion hat bei 40 mm den Wert 0,16, bei 50 mm 0,5 und bei 60 mm 0,84. Wie groß ist σ\sigma?

Tipp eine Zahl ein. Dann prüfen.

Der z-Wert: alles auf eine Glocke

Jede Normalverteilung lässt sich auf eine einzige zurückführen: die Standardnormalverteilung N(0,1)N(0, 1) mit μ=0\mu = 0 und σ=1\sigma = 1. Dafür rechnest du den z-Wert aus. Er sagt, wie viele Standardabweichungen ein Wert vom Mittelwert weg ist.

z=x−μσz = \frac{x - \mu}{\sigma}
Die Glocke der Körpergröße (170 cm, σ = 10 cm) wird verschoben und gestaucht, bis sie die Standardnormalverteilung ist. 185 cm wird zu z = 1,5.

Die Verteilungsfunktion der Standardnormalverteilung heißt Φ\Phi (Phi). Für sie gibt es Tabellen. Damit gilt für jede Normalverteilung:

F(x)=Φ ⁣(x−μσ)Φ(−z)=1−Φ(z)\begin{gathered} F(x) = \Phi\!\left(\frac{x-\mu}{\sigma}\right) \\[4pt] \Phi(-z) = 1 - \Phi(z) \end{gathered}
zzΦ(z)\Phi(z)wofür
zz0Φ(z)\Phi(z)0,5000wofürMedian
zz1Φ(z)\Phi(z)0,8413wofüreine Standardabweichung über μ\mu
zz1,282Φ(z)\Phi(z)0,9000wofür90-%-Quantil
zz1,645Φ(z)\Phi(z)0,9500wofüreinseitiger Test, α=5 %\alpha = 5\,\%
zz1,960Φ(z)\Phi(z)0,9750wofürzweiseitiger Test, α=5 %\alpha = 5\,\%
zz2Φ(z)\Phi(z)0,9772wofürzwei Standardabweichungen
zz2,576Φ(z)\Phi(z)0,9950wofürzweiseitiger Test, α=1 %\alpha = 1\,\%
zz3Φ(z)\Phi(z)0,9987wofürdrei Standardabweichungen
Tabellen haben nur positive zz. Für negative zz nimmst du Φ(−z)=1−Φ(z)\Phi(-z) = 1 - \Phi(z).

Beispiel: Wie viele sind höchstens 185 cm groß? z=(185−170)/10=1,5z = (185 - 170) / 10 = 1{,}5. In der Tabelle steht Φ(1,5)=0,9332\Phi(1{,}5) = 0{,}9332. Also sind es etwa 93 %.

Welchen z-Wert hat eine Körpergröße von 155 cm (μ = 170 cm, σ = 10 cm)?

Tipp eine Zahl ein, zum Beispiel −0,5. Dann prüfen.

Probier es selbst aus

Stell μ\mu, σ\sigma und die Grenzen ein. Links siehst du die Fläche, rechts dieselbe Wahrscheinlichkeit als Höhe. Darunter steht die Rechnung.

Dichte: die Fläche
Verteilungsfunktion: die Höhe

Fahre mit dem Finger oder der Maus über ein Bild: Dann siehst du x, f(x) und F(x).

In R

R hat für jede Verteilung vier Befehle. Der Anfangsbuchstabe sagt, was du bekommst: d die Dichte, p die Verteilungsfunktion, q das Quantil, r Zufallszahlen. R will die Standardabweichung (sd), nicht die Varianz.

dnorm(170, mean = 170, sd = 10)          # f(170) = 0.0399, Höhe der Dichte
pnorm(180, mean = 170, sd = 10)          # F(180) = P(X ≤ 180) = 0.841
pnorm(180, 170, 10) - pnorm(160, 170, 10) # P(160 < X ≤ 180) = 0.683
pnorm(180, 170, 10, lower.tail = FALSE)  # P(X > 180) = 0.159
qnorm(0.9, mean = 170, sd = 10)          # 90-%-Quantil = 182.8
x <- rnorm(100, mean = 170, sd = 10)     # 100 zufällige Körpergrößen

curve(dnorm(x, 170, 10), from = 130, to = 210)  # Dichte zeichnen
curve(pnorm(x, 170, 10), from = 130, to = 210)  # Verteilungsfunktion zeichnen

Weiter: Hypothesen­test und p-Wert